Lebensgeschichte

geschrieben im Jahre 2002

Ich bin seit meiner Geburt gehörlos. Meine Familie ist hörend.
Warum ich gehörlos bin, weiß ich leider bis heute nicht. Aber ich hoffe, dass ich es einmal erfahren werde.

Als ich klein war, bin ich mit meiner Mutter oft zum Hörtraining in das AKH gefahren und habe Sprechübungen gemacht. Dort bekam ich mit einem Jahr meine ersten Hörgeräte.
Ab dem 2. Lebensjahr fuhr ich in den Kindergarten im BIG und zwar zweimal in der Woche, im letzten Kindergartenjahr dann täglich. Im letzten Jahr war ich in einer Gruppe. Leider kann ich mich an diese Zeit nicht so genau erinnern, aber ich weiß, dass ich damals mit der Kindergartentante keine Kommunikationsprobleme gehabt hatte.

Nach dem Kindergarten besuchte ich die Pflichtschule im BIG. Ich hatte keine Probleme mit Hörenden, da ich gut von den Lippen ablesen kann. Die Schule hat mir auch Spaß gemacht, aber manchmal musste ich mich auch ärgern. In meiner Freizeit war ich oft einkaufen. Ich hatte immer einen Zettel bei mir und zeigte ihn dem Verkäufer. Wenn er mich etwas fragte, habe ich ihn verstanden. Aber manchmal verstand ich ihn nicht und ersuchte ihn, auf einen Zettel zu schreiben.

Als ich in der Volksschule war, hat mein Vater einen neuen Fernseher mit Teletext gekauft. Damals gab es nicht so viele Filme mit Untertitel, aber "ZiB" oder "MiniZIB" hatte immer einen Untertitel. Das habe ich so gern angeschaut, weil ich sehr neugierig war und die Untertitelung gut verstand.
Heutzutage ist die Untertitelung schon erweitert worden. Außerdem kann ich auch Neuigkeiten im Teletext lesen. Ohne Untertitelung und Teletext ist das jetzt schon unvorstellbar für mich.

Bevor ich die Pflichtschule abschloss, entschloss ich mich, die Fachschule im Haus zu besuchen, weil ich gern handarbeite und dass die einzige höhere Schule für GL war.
In der Fachschule war es schwieriger als in der Pflichtschule, das ist ja normal.
Dort gab es die ersten Probleme. Manche Lehrer hatten keine Ahnung im Umgang mit GL. Sie sprachen zu schnell, achteten nicht auf Augenkontakt und sprachen oft weiter, wenn ich ihren Mund nicht sehen konnte. Auch dass GL einen geringeren Wortschatz als Hörende haben, mussten sie erst von uns lernen.

Abschließend kann ich sagen, dass es für GL sehr mühsam und nervenauftreibend ist, eine höhere Schulausbildung mitzumachen. Zum Glück habe ich Eltern, die mir und meinen Mitschülerinnen immer wieder geholfen haben.

Nach der Matura wusste ich nicht, wie es weitergehen soll, aber ein Mitarbeiter vom Bundessozialamt hat mir weitergeholfen. Jetzt kann ich eine Ausbildung in einer PC-Schule machen, die mich sehr interessiert.

Auch privat ist es für GL unter Hörenden nicht einfach. Bei sehr wichtigen Besprechungen oder wenn man z.B. den Führerschein macht, muss man sich um einen Gebärdensprachdolmetsch kümmern, sonst könnte man etwas falsch verstehen und dadurch Schwierigkeiten bekommen.
Als ich die Fahrschule besuchte, hatte ich keinen Dolmetscher, aber meine Mutter war immer dabei und dolmetschte. Nur bei der Prüfung hatte ich den Dolmetscher.

Bei Familienfesten ist es auch nicht ganz einfach. Alle reden durcheinander, und ich kann nichts verstehen. Dann muss ich immer meine Mutter oder meinen Vater fragen, worüber gesprochen wird.
Es ist mir oft lieber, ich bin mit GL zusammen, da kann ich alles verstehen, und ich bin kein Außenseiter. Zum Glück habe ich viele Freunde und arbeite auch bei einem Gehörlosenverein mit, so bin ich immer beschäftigt und fühle mich nicht einsam. Ich bin sehr gern bei meinem Verein, wenn ich Zeit habe und nicht lernen muss.
Für mich ist der Verein nicht unbedingt wichtig, aber dort treffe ich meine Freunde, und wir können über verschiedene Probleme diskutieren.

Durch die Verbreitung des Handys ist das Leben für GL und auch für mich viel einfacher geworden. Ich habe auch ein Handy. Früher musste man ein Schreibtelefon oder ein Faxgerät kaufen, das war sehr teuer, und außerdem nicht so flexibel. Jetzt hat jeder GL ein Handy bei sich, und man kann jeden fast jederzeit erreichen. Ich bin immer über Handy erreichbar, weil ich sehr oft unterwegs bin, das ist praktisch. Das ist wirklich super!!
Aber es gibt auch einen Nachteil, z.B. ich schicke jemanden ein SMS oder faxe, und der andere antwortet mir nicht. So weiß ich nicht, hat der andere meine Nachricht nicht bekommen oder ist er zu faul zum Antworten? Daher bitte ich meine Mutter, den Empfänger anzurufen, ob die Nummer noch aktuell oder aufgelöst (falsch) ist.

Ich habe einen PC und einen Internet-Anschluss mit einer E-Mail-Adresse und kann auch meinen Freunden E-Mails schicken. Mit dem Computer habe ich auch Zugang zum Internet, und somit stehen mir viele Informationsquellen zur Verfügung. Z.B. Ich habe vieles für meine Matura im Internet gefunden und konnte es gut verwenden. Das war für mich sehr wichtig!
Ich kann also sagen, dass der technische Fortschritt auch für GL eine Verbesserung der Lebensqualität gebracht hat.

Sicher hat sich die Situation für GL im Allgemeinen verbessert, aber es gibt auch immer wieder Probleme, die man meistern muss.
Ich mache zur Zeit eine Ausbildung in der PC-Schule, wie ich schon erwähnt habe, und möchte gern meine Probleme aufzeigen, die ich gemeistert habe.
Ich bin die einzige Gehörlose, und meine Kollegen sind hörend. Ich habe eine Dolmetscherin, die nur halbtags da ist. Wenn sie nicht da ist und die anderen reden, kann ich nicht zuhören. Zum Glück habe ich liebe Kollegen, die für mich mitschreiben, was gesprochen wird. So kann ich alle gut verstehen.

Zum Schluss möchte ich meine Gefühle aufschreiben:
Manchmal bin ich traurig, dass ich nicht telefonieren und nicht alles mithören bzw. verstehen kann. Ich bin abhängig von jemanden, der für mich telefoniert, z.B. einen Arzttermin ausmachen oder für meinen Verein Informationen einholen.
Wenn ich bei meiner Familie bin, ist mir oft langweilig, da ich nicht mithören kann. Oft muss ich meine Mutter fragen, und manchmal wird sie genervt, weil sie auch plaudern will. Meist ist mein Vater eher ruhig, und da hat er für mich mehr Zeit.

Aber meist bin ich zufrieden, da ich sehr viele Freunde habe.
Ein großer Vorteil ist, dass ich immer ruhig und tief schlafen kann. Sogar meine Tante muss darüber lachen, weil bei ihr sehr laut gesprochen wird, und ich schlafe ruhig.

Ich bin trotzdem glücklich, obwohl ich nicht hören kann, weil meine Eltern immer für mich da sind.